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Effectuation 2 – Handlungsprinzipien erfolgreicher Gründerunternehmer

Es sind ein paar Monate vergangen, seit ich Ihnen von meinen Erfahrungen mit Effectuation in Teil 1 – Führen ohne Ziele und Pläne? berichtete. Letzte Woche habe ich unbewußt mit meinem Patenkind Simon effektuiert. Er ist ein cooler, zehn Jahre alter Junge, mit dem ich gerne unterwegs bin. Seine Spontaneität bringt mein inneres Kind zum Schwingen.

Zu meinem Geburtstag erhielt ich von ihm eine Einladung zu einem gemeinsamen Kinobesuch. Wir hatten uns auf einen Film geeinigt. Es sollte um einen „Diebstahlstein“ gehen. Den genauen Filmtitel erinnere ich nicht mehr, doch er klang spannend. Die Umstände führten allerdings dazu, dass wir den richtigen Zeitpunkt verpasst hatten, um den Film zu einer akzeptablen Tageszeit zu schauen. So blieb nur noch die Mittagsvorstellung, was wir beide nicht wirklich prickelnd fanden.

Meinen Vorschlag, einen anderen Film zu schauen, nahm Simon sofort auf. Er hielt an seinem Ziel, diesen Diebstahlstein anzuschauen nicht fest. Er wollte mit mir ins Kino gehen. So landeten wir in „Angry Bird“. Ein wunderbarer Film. Wir haben uns köstlich amüsiert und haben beide viel über Wut gelernt. Wir haben uns hinterher prächtig über die unterschiedlichen Szenen ausgetauscht.

Hinterher dachte ich: Wow! Was für ein Zufall! Gut, dass wir an unserem Ziel, den Diebstahlstein anzuschauen, nicht festgehalten haben. Wir haben den Zufall genutzt. Dieser hat uns irgendwo ganz anders hingeführt. Wir hatten beide nicht gedacht, wieviele schöne Lebensweisheiten uns dieser Film vermitteln konnte. Als ich während unseres „Auswertungsgesprächs“ kurz auf der Metaebene verschwand, kam mir Effectuation in den Sinn. Wie spannend das Leben sein kann, wenn man Umstände und Zufälle nicht als Hindernisse erlebt, sondern als Chancen, dem Leben eine andere Wendung zu geben.

Vielleicht denken Sie jetzt: Na ja, was will der Hauser mir mit diesem Beispiel sagen. Das ist doch völlig alltäglich und trivial. Alltäglich ja, aber trivial? Da bin ich mir nicht sicher.

Behandeln wir Umstände und Zufälle im Management nicht häufig als Abweichungen und fragen uns, wie wir wieder die Kurve zum Ziel kriegen. Passt das noch in diese volatile Welt, die uns ständig mit Überraschendem und Unerwartetem konfrontiert. Hat die Geschichte nicht auch viel mit Veränderungsbereitschaft zu tun und der Kraft, loszulassen, wenn ein Ziel nicht mehr erreichbar ist?

Jetzt würde ich gern mit Ihnen in einen Dialog treten, doch dazu taugt dieses Format nicht. Schade! So komme ich zur Erinnerung auf die vier Handlungsprinzipien zurück, die ich im ersten Teil erwähnte. Was bedeuten diese Prinzipien in meiner Wahrnehmung?

Wenn Sie es im Original nachlesen wollen, darf ich nochmals auf das grandiose Buch von Michael Faschingbauer hinweisen. Vier Prinzipien prägen die Handlungen erfolgreicher Gründerunternehmer (Sarasvathy 2001):

  1. Prinzip der Mittelorientierung
  2. Prinzip des leistbaren Verlusts
  3. Prinzip der Umstände und Zufälle
  4. Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften

Zum Prinzip der Mittelorientierung:

Das könnte vor allem für Controller klingen, als ob es ausschließlich um Ressourcen ginge. Doch weit gefehlt! Das wäre viel zu kurz gesprungen. Nein, es geht zu allererst, um die Frage: Wer bin ich? Upps! Auch das noch! Wie schrieb Laotse einmal so treffend: „Wer andere kennt, ist klug. Wer sich selbst kennt, ist weise!“

Ja, so ist es. Sie müssten zuerst mit Ihrer eigenen Identität beginnen. Wer bin ich, was weiß ich und wen kenne ich? Hiermit fängt es an. Wenn Sie sich das im Team fragen, dann geht es bei der Frage, wer wir sind, um die gemeinsame Identität, um unsere Werte, Charaktere, Vorlieben und Kultur. Bei der Frage, was wir wissen, geht es um Kompetenzen, Fertigkeiten und Erfahrungen. Bei der letzten Frage dreht es sich um unsere Kontakte und Netzwerke.

M. Faschingbauer überraschte mich in seinem Video mit der Frage, ob das, was ich heute bin und was ich erreicht habe, das Ergebnis von Zielen sei, die ich mir einmal gesetzt habe. Nein, natürlich nicht! Wer könnte das schon von sich behaupten, selbst bei sehr ehrgeiziger und zielstrebiger Karriereplanung. Ich hatte nicht gedacht und schon gar nicht geplant, dass ich mit 58 Jahren als Single nach Freiburg ziehe, mir ein großes Haus mit einem Atelier kaufe, das Malen und Specksteinarbeiten beginne, mich als Coach selbständig mache und mein berufliches Spektrum erweitere.

Dieses Prinzip bringt die Euphorie rund um den Business Plan ins Wanken. Sofern es jemals eine Euphorie um dieses betriebswirtschaftliche Instrument gegeben hat. Sich nicht langfristige Ziele zu setzen und diese konsequent zu verfolgen, sondern von den eigenen Potenzialen auszugehen und sich Schritt für Schritt voran zu tasten, klingt vernünftig. Oder nicht? Im unternehmerischen Kontext ist es revolutionär. Wer hat schon gern Revoluzzer in seinen Managementreihen?!

Heute werden sie plötzlich gesucht. Es braucht nur ein neues Etikett, dann klingt es modern und avantgardistisch. Verrückt, denke ich immer wieder, welche Rolle doch Etiketten in der Betriebswirtschaft spielen. HR sucht heute Menschen mit Brüchen im Leben, so hörte ich von einem Recruiter einer sehr bekannten Unternehmensberatung. Nicht mehr die Eier legende Wollmilchsau ist gefragt, sondern Kandidaten mit Ecken und Kanten, die Brüche bewältigt haben, mit diesen Erfahrungen in neue Felder vorgedrungen sind und für sich selbst ein neues Geschäftsmodell kreiert haben.

Heute redet die Controlling Community besonders gern von Agilem Management. Agil und feste Ziele schließt sich aus. Je offener und flexibler wir unsere Zielsysteme gestalten, desto größer ist der Raum der Optionen und Alternativen. In diesem Sinne sprechen wir Effectuators von „erzielbaren Ergebnissen“. Demnach gibt es auch Ziele, besser gesagt eine Zielevielfalt. All das, was wir auf der Grundlage unserer Ressourcen als mögliche Ergebnisse unseres Handelns anstreben, sind selbstverständlich (Handlungs-)Ziele: Was könnte eintreten, was streben wir an und wie gehen wir mit erwünschten und unerwünschten Ergebnissen um. Jedes Ergebnis liefert neue Erkenntnisse und eröffnet wieder neue Handlungsräume.

Fazit: Effectuation ist alles andere als ziellos, kopflos und chaotisch. Das könnte jetzt eine Schublade sein, in die man als Effectuator vom klassischen Controlling gesteckt wird. Effectuation bedeutet das Gegenteil: Flexible und ambivalente Ziele: Moving Targets :-).

Zum Prinzip des leistbaren Verlusts:

An dieser Stelle klingt mir immer wieder der Satz unseres Gründers A. Deyhle in den Ohren: „Kilogrammversuche, keine Tonnenversuche, liebe Kollegen.“

Was bedeuten Verluste im Kontext von Effectuation? Es geht nicht nur um Geld und materielle Güter. Zeit, Energie und Einsatz, Reputation, Kontrolle und Entscheidungsspielräume, Opportunitätskosten, Ideen, geistiges Eigentum, Selbstwert und Selbstvertrauen…. All dies könnten Verluste beinhalten. Effectuator orientieren ihren Einsatz am leistbaren Verlust und nicht am erwarteten Ertrag. Auch hier wird das klassische Handlungsprinzip auf den Kopf gestellt. Entscheidend für einen ersten praktischen Schritt sind nicht die Fantasien über einen erhofften Ertrag, sondern der subjektiv leistbare Einsatz an Mitteln.

Damit ist Effectuation auch im Hinblick auf dieses Handlungsprinzip extrem bodenständig. Erfolgreiche Unternehmer riskieren nicht Kopf und Kragen! Die Forschungsergebnisse von Sarasvathy sind eindeutig. Sie zeigen jedoch viel mehr. Erfolgreiche Unternehmer orientieren sich am leistbaren Verlust und nicht an möglichen Erträgen. Das bedeutet eine Orientierung nach Innen. In einer VUCA-Welt, in der Potenziale und Erträge als kaum kontrollierbar erlebt werden, bedeutet eine Orientierung am maximalen Einsatz einen Kontrollgewinn. So steht die Frage im Vordergrund, was mir eine Sache wert ist und was mir wichtig ist. Effectuators kontrollieren also ihr maximales Verlustpotenzial, anstatt mittels mittels komplexer Analysen und Prognosen mögliche Ertragsszenarien zu ermitteln. Wem jetzt das aktuelle Stichwort „predictive analytics“ in den Sinn kommt, darf schmunzeln. Nicht erst seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 bin ich gegenüber dem Glauben an eine controllable world sehr skeptisch.

Wenn Sie ein Gefühl dafür bekommen wollen, ob Sie in Ihrem Risiko-Verhalten eher zum effektuieren tendieren, dann könnten Sie versuchen, folgende Fragen für sich selbst zu beantworten:

  1. Probieren Sie lieber rasch drei einfache Dinge aus, anstatt lange über den richtigen Weg nachzudenken?
  2. Suchen Sie eher nach machbaren Lösungen als nach perfekten?
  3. Gehören für Sie Fehler zum Prozess des Lernens oder versuchen Sie, Fehler mit aller Macht zu vermeiden?
  4. Versuchen Sie, Entscheidungen so zu treffen, dass der Zugang zu anderen Möglichkeiten nicht verschlossen bleibt oder tendieren Sie zu irreversiblen Entscheidungen?
  5. Gehen Sie lieber in kleinen, risikoarmen Schleifen vor oder planen Sie eher den großen Wurf?
  6. Haben Sie lieber mehrere Eisen im Feuer oder fokussieren Sie sich eher auf die eine, Erfolg versprechende Sache?
  7. Kennen Sie bei jedem Vorhaben die Schwelle, bei der Sie aufhören und etwas anderes ausprobieren?
  8. Halten Sie sich bei dem was Sie unternehmen immer ein Notfallszenario offen?
  9. Suchen Sie bei riskanten Vorhaben nach Mitteln und Wegen, die gar nichts kosten?
  10. Darf das, was Sie unternehmen auch schief gehen ohne dass Sie Kopf und Kragen riskieren?

Zum Prinzip der Umstände und Zufälle:

„Lieber Herr Hauser, eines Tages kommt das Schicksal bei Ihnen vorbei und legt seine Hand auf Ihre Schulter…. Diesen Moment müssen Sie spüren und dann beherzt zugreifen.“

So verabschiedete sich mein Doktorvater R.-B. Schmidt von mir, als meine Assistentenzeit zu Ende ging. Wie recht er doch hatte. Es war ein wunderbarer Zufall, dass ich als Allianz-Controller die Stufe 1 bei A. Deyhle besuchen durfte. Das Schicksal begegnete mir in Gestalt eines überragenden Trainers und eigenwilligen Pionierunternehmers. Er erweckte mein Potenzial für einen lehrenden Beruf wieder zum Leben. Die Freude daran, anderen Menschen sein Wissen weiter geben zu dürfen, sie zu motivieren und für ihre Aufgabe weiter zu entwickeln, ist zu meiner Leidenschaft geworden. Ich denke, ich habe dies damals nicht nur bewußt und rein rational entschieden. Ich dachte, ich probier das einfach mal aus! Aus heutiger Sicht war das pure Effectuation ;-).

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Umstände und Zufälle Innovationen bereitet haben, die sehr erfolgreiche Unternehmensgründungen zur Folge hatten. Erfolgreiche Unternehmer nutzen Umstände, Zufälle und Ungeplantes als Gelegenheiten, anstatt sich dagegen abzugrenzen. Bei M. Faschingbauer finden sich imposante Beispiele. Die Geschichte von 3M ist legendär. Die Post-it basieren auf einem Missgeschick. Aus einer Kleberentwicklung ging ein Produkt hervor, das nicht klebte, sondern nur haftete. Ein Mitarbeiter hatte die coole Idee, daraus ein Produkt zu machen.

In meiner Ausbildung zum Coach hat mich die Lebensgeschichte von Milton H. Erickson fasziniert. Er ist der Begründer der Hypnotherapie. In seiner Jugend war er schwerst erkrankt und bis zum Hals gelähmt. Er hörte das Gespräch des Arztes mit seinen Eltern. In diesem Gespräch teilte der Arzt den Eltern mit, dass der Junge die Nacht nicht überlebt. Die Eltern mögen sich damit trösten, dass sie noch zwei gesunde Söhne haben, so der Arzt. Milton H. Erickson fand das unmöglich und nahm sich vor, die Nacht zu überleben. Er hypnotisierte sich selbst. Nach weniger als zwei Jahren konnte er wieder auf einer Krücke gehen. Dies war die Initialzündung für seine Bahn brechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Hypnose und der Hypnotherapie. Ist das nicht wunderbar? Was sich aus einem vermeintlichen Handicap ergeben kann!

Zum Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften:

Erfolgreiche Unternehmer zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt Vereinbarungen und Partnerschaften eingehen. Sie kommunizieren intensiv ihre Ideen bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Doch sie gehen anders vor als üblicherweise Kooperationen gebildet werden. Sie suchen nicht nach dem richtigen Partner für ihr Vorhaben, sondern sie suchen nach Partnern, die bereit sind, ihre individuellen Ressourcen und Kompetenzen einzubringen. Je nach dem, wer an Bord kommt und was derjenige mit einbringt, kann das Vorhaben eine neue Richtung nehmen.

Das Prinzip, das hier wirkt, ist mehr als win-win. Win-win bedeutet: Durch unsere Kooperation wird der Kuchen, den wir backen größer und jeder bekommt ein größeres Stück. Bei Effectuation-Vereinbarungen backen wir etwas gemeinsam. Wir wissen noch nicht was es wird: Kuchen, Pizza, Quiche. Es wird auf jeden Fall schmackhaft mit unseren Kompetenzen, die sich ergänzen. Wir werden beide davon köstlich profitieren. Wir vertrauen gegenseitig in unsere Fähigkeiten und Ressourcen.

Das Beispiel von Red Bull und dem Abfüller Rauch ist legendär. Sie ist eine echte Effectuation-Partnerschaft mit wunderbarem Ausgang. Der Red Bull Gründer hat eine eigenwillige Rezeptur und die Lizenz, das Produkt in Europa zu vertreiben. Er hat keine Abfüllanlagen. Die besitzt er heute noch nicht. Erst drei Jahre nach der Vereinbarung kam Red Bull auf den Markt mit dem bekannten Erfolg.

Nicht jeder hat die Chance zu solch ungewöhnlichen Erfolgsstories. Doch Effectuators suchen gezielt Kontakte in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Sie sind von ihrem Naturell echte Netzwerker. Anfangs sind solche Kontakte absichtslos, von gegenseitiger Neugier und Faszination für unternehmerisches Tun geprägt. Später ergibt sich gegebenenfalls die Möglichkeit für Vereinbarungen. So entstehen Stakeholder-Netzwerke, die durch Partnerschaften die Ungewißheit und das Risiko des Vorhabens systematisch reduzieren.

Wenn Sie jetzt selbst als Effectuator vorgehen wollen und vielleicht latent Lust verspüren, das Alles auszuprobieren, dann kann ich Ihnen wärmstens das Seminar Effectuation empfehlen, das Michael Faschingbauer und ich von 18.-20. Oktober 2016 in Berlin durchführen werden.

Also: Probieren geht über studieren!

Prof. Dr. Martin Hauser
Trainer und Partner, CA Akademie AG