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Effectuation 1 – Führen ohne Ziele und Pläne?

08.03.2016 von CA Redaktion | Unternehmensführung

Prof. Dr. Martin Hauser, Trainer und Partner der CA Akademie AG, Vorstandsmitglied der Controller Akademie AG von 1999 – 2011, Boardmember der International Group of Controlling von 2001 – 2011, berichtet in drei Folgen von seiner völlig neuen Erfahrung mit einem Führungs- und Steuerungskonzept namens Effectuation. Auf die Gefahr hin, dass es ein wenig überhöht klingen mag: Ein Paradigmenwechsel bahnt sich für den Controlling-Experten nach mehr als 30 Jahren Berufserfahrung als Controller, Trainer und Manager an. Seine Geschichte klingt unglaublich. Eine neue Wahrnehmung tut sich ihm auf. Sein Leben verändert sich radikal.

Effectuation 1 – Prolog

Nach längerer Auszeit begab ich mich auf die Suche nach Neuem und stieß auf ein Seminar mit obigem Titel am Milton-Erickson-Institut in Heidelberg. Die Beschreibung empfand ich mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Controlling als geradezu provokativ: Führen ohne Ziele und Pläne?

Wie viele Business Pläne habe ich gebaut und begleitet? Strategische Ziele zu einer Strategy Map zu verbinden, ist das A und O einer jeden funktionierenden strategischen Planung! Wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind ein günstiger (Seneca).

Die Anzahl meiner Controlling-Glaubenssätze könnte ich fast ins Unendliche fortsetzen. Doch als Trainer erzähle ich auch, dass Lernoffenheit eine hilfreiche Eigenschaft für Controller ist. Bereit zu sein, altbekanntes, scheinbar gesichertes Wissen beiseite zu stellen und sich völlig Konträrem und Außergewöhnlichem zu widmen, ist unabdingbar für Innovation und Fortschritt. Sonst wären wir alle noch davon überzeugt, wir würden auf einer Scheibe leben.

Nach einem Effectuation-Seminar mit Michael Faschingbauer, Referent, preisgekröntem Fachbuchautor und Praxispionier wurde ich zum „Effectuierer“. Ich effectuiere fast täglich, bei kleineren und größeren Vorhaben, beruflich und privat! Doch gemach, ich fange von vorne an:

Effectuation basiert auf der Entrepreneurship Forschung von Saras Sarasvathy, die sich vor 15 Jahren auf die Spuren erfolgreicher Unternehmer machte. Die häufig geäußerte Hypothese, erfolgreiche Unternehmer zeichnen sich durch bestimmte Charaktereigenschaften aus, wie z.B. Kreativität, Wagemut, Fleiß etc. lässt sich empirisch nicht belegen. Sie erkannte allerdings eine eindeutige Signifikanz bezüglich immer wiederkehrender Handlungsprinzipien erfolgreicher Unternehmer, deren Entscheidungssituationen häufig durch das VUCA-Phänomen gekennzeichnet sind (volatile, uncertain, complex, ambigious). Was können wir nun also von erfolgreichen Unternehmern lernen? Wie meistern diese ihre strategischen Vorhaben unter VUCA-Gegebenheiten?

Die praktische Arbeit von Michael Faschingbauer und vielen anderen (es gibt eine internationale effectuation community) baut vor allem auf 4 Handlungsprinzipien auf. Er und seine Mitstreiter gestalteten dadurch ein sehr schnell umsetzbares Beratungskonzept, das durch ausgeprägte Handlungsorientierung gekennzeichnet ist.

Ich selbst bin geradezu infiziert von dieser Logik und effectuiere derzeit ein spannendes Autohof-Projekt mit meinem Bruder. Ich habe mein neues Wohn- und Arbeitshaus effectuiert! Ich effectuiere fast täglich auch bei kleineren Vorhaben. Ich habe festgestellt, dass das effectuation Prinzip mehr meinem Naturell entspricht als die allseits bekannten Business Pläne. Allzu häufig enden sie in unrealistischen „Hockeysticks“.

Probieren geht über studieren. Dies war schon immer mein Motto. Ich empfinde häufig das Zerreden von Ideen als quälend. Die Bedenkenträger und Ja-aber-Typen lauern an jeder Ecke. Sie saugen häufig Energie. Es wird schwerer. Widerstand und Kampf kommen auf. Seit meinem Break versuche ich, Widerstand und den daraus resultierenden win-lose-Strategien aus dem Weg zu gehen. Früher war ich anders drauf und fand das gut! Widerstand muss man überwinden oder brechen. Heute sehe ich das anders. Ich empfinde dies als echte Befreiung und radikales empowerment für mich selbst. Effectuation ist anders als win-win. Win-win bedeutet ja, wir vergrößern durch unsere Kooperation unseren Kuchen und so bekommt jeder ein größeres Stück. Effectuation heißt: Komm, wir backen etwas gemeinsam, unsere Kompetenzen ergänzen sich dabei. Was dabei herauskommt, wissen wir derzeit noch nicht so richtig. Vielleicht wird es eine leckere Pizza oder eine Quiche, wer weiß? Es wird sicher vorzüglich bei unseren Präferenzen und Kompetenzen.

Und wenn es nichts wird, haben wir nicht viel verloren. Im Gegenteil: Wir haben neue Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen, vielleicht sogar neue Chancen, die uns irgendwo ganz woanders hinbringen. Suchen Sie sich für Ihre Vorhaben die Ja-und-Typen! Mit denen macht das Effectuieren richtig Freude.

Der Gründer der Controller Akademie, Dr. Dr. h.c. Albrecht Deyhle hat uns Trainern und Partnern folgenden Leitsatz eingeschärft: Kilogrammversuche, liebe Kollegen! Keine Tonnenversuche! Da steckt sehr viel Lebenserfahrung drin. Nicht zu viel riskieren, zuerst Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln. Darauf aufbauend den nächsten kleinen Schritt wagen. Nach 1.000 Schritten haben wir die Tonne geschultert, fast mühelos mit Fleiß und Beharrlichkeit. Natürlich fällt einem dazu Momo und die Geschichte von Beppo dem Straßenkehrer ein.

Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die Handlungsprinzipien des Effectuation Konzepts als sehr pragmatisches Vorgehen, welches mit gesundem Menschenverstand die Unsicherheit strategischer Vorhaben Schritt für Schritt reduziert. Ich denke, ein bisschen Effectuation steckt in jedem von uns! Es ist zutiefst menschlich, wenig verkopft und nicht abstrakt wie zahlreiche andere Management-Methoden.

Jetzt wird es aber Zeit, denken Sie vielleicht: „Hauser: endlich Butter bei de Fische!“

Ich habe fast schon alles erzählt, nur nicht so schön strukturiert! Ich habe auch diesen Artikel effectuiert, bin mehr meinen Gedanken gefolgt, so als ob es Begegnungen und Zufälle wären. Ich habe sie aufgegriffen, bin mit ihnen in Austausch gegangen. So ist ein ganz anderer Aufsatz daraus geworden als ich ursprünglich vorhatte. „Awesome and pretty amazing“ würden sie in Kanada dazu sagen.

So steckt im bisher Geschriebenen schon Einiges von den vier Handlungsprinzipien, welche für das Effectuation-Konzept sehr maßgeblich sind:

  1. Prinzip der Mittelorientierung
  2. Prinzip des leistbaren Verlusts
  3. Prinzip der Umstände und Zufälle
  4. Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften

Wenn Sie jetzt richtig Lust bekommen haben auf Effectuation, dann wäre es genial. Sie könnten nun hergehen und diese vier Prinzipien bei Michael Faschingbauer nachlesen. Oder Sie kommen gleich in das neue Seminar Effectuation der CA, das Michael Faschingbauer und ich von 18.-20. Oktober 2016 in Berlin durchführen werden.

Sie könnten aber auch hergehen und sich überlegen, was diese Prinzipien wohl beinhalten könnten. Dazu sagt man im Trainingskontext reflektieren. Schauen Sie in Ihre Vita. Wo habe ich bewußt oder unbewußt effectuiert? Wo sind meine Ziele und Pläne grandios gescheitert? Wie bin ich zu meinem heutigen Beruf gekommen? War diese Entscheidung das Resultat einer strategischen Planung oder eher das Ergebnis von Zufällen und Unfällen, Irrtümern und Gelegenheiten?

Fortsetzung folgt: Effectuation 2 – die vier Handlungsprinzipien

Quellen:

  1. M. Faschingbauer, Effectuation – Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln, 2. Auflage, Stuttgart 2013
  2. Effectuation-Seminar am MEI-Hei mit M. Faschingbauer im November 2015
  3. M. Faschingbauer, Lehr-Video: https://www.youtube.com/watch?v=oFLQL50PZQQ
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