Was haben Investitionsrechnungen und Schwäne gemeinsam?

03.05.2022 von CA Redaktion | Accounting & Finance

Auf den ersten Blick nichts. Aber einige Leser denken sicher unwillkürlich an das Buch “Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse” von Nassim Nicholas Taleb aus dem Jahr 2007.

Einen Leser dieses Buches hätte man ebenso gut fragen können, was unterscheidet die Länder ‚Extremistan‘ und ‚Mediokristan‘ und was folgt daraus für Investitionsrechnungen, Unternehmensbewertungen oder ganz allgemein für die Erstellung von Businessplänen? Falls Sie das Buch nicht gelesen haben, möchten wir kurz einige ausgewählte Gedanken erläutern.

Der ehemalige Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb, der komplexe Finanzderivate für Wall Street Unternehmen berechnete, beschreibt den „Schwarzen Schwan“ als ein Ereignis, das einen Ausreißer darstellt, da es weder den regulären Erwartungen entspricht noch vorhersehbar ist. Darüber hinaus zieht dieses Ereignis eine enorme Auswirkung nach sich.

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltag

Die Körpergröße all jener Menschen, denen wir morgen auf dem Bahnsteig begegnen werden, können wir nicht vorhersehen. Ein Durchschnitt wird sie aber gut beschreiben und eine statistische Abweichung wird die Vorhersagequalität nicht maßgeblich beeinflussen. Dieses Beispiel lässt uns auf banale Weise erkennen, dass die Körpergröße zwar um den Mittelwert herum schwankt, aber auf Basis von Vergangenheitswerten eine gute Prognose erstellt werden kann. Taleb umschreibt einen solchen Sachverhalt als Land ‚Mediokristan‘.

Was wäre hingegen ein Beispiel für höchst unwahrscheinliche, selten auftretende Ausreißer, die dennoch extreme Wirkungen nach sich ziehen (‚Extremistan‘)? Betrachtet man beispielsweise das erwartete Einkommen von angehenden Buchautoren, wird schnell klar, dass die meisten neuen Autoren scheitern werden und nicht von ihrem Honorar leben können. Ein paar Wenige werden jedoch sehr erfolgreich sein.

Im Gegensatz zur Körpergröße sollte die künftige Einkommensverteilung jedoch keinesfalls durch einen Durchschnittswert beschrieben werden. Der „Mehr-Erfolg“ eines Autors verstärkt den „Minder-Erfolg“ der übrigen. Ein Effekt, der bei der Körpergröße nicht zu beobachten ist. Ein besonders groß gewachsener Mensch führt nicht dazu, dass alle übrigen Menschen weniger groß werden – allenfalls wirken sie kleiner.

Den wirtschaftlichen Erfolg der wenigen aufstrebenden Autoren könnte man (vereinfacht) als „schwarzen Schwan“ beschreiben. Der Versuch, die richtigen Personen vorab zu identifizieren, ist nicht möglich. Weder ihre Schulnoten, die Noten im Fach Literatur oder die Anzahl der gelesenen Bücher hätten geholfen, die Autoren auf den Bestseller-Listen vorherzusagen.

Taleb schafft mit der Idee des schwarzen Schwans einen Denkanstoß und gleichzeitig eine Maxime für eine Realität aus Unsicherheiten und Unvorhersehbarem.

Was bedeutet das für alle langfristigen Unternehmensplanungen?

Ein erster Gedanke könnte den vielen hoffnungsvollen Start-up-Gründungen und der Frage gelten, wie viele von ihnen zukünftig erfolgreich sein werden. Ein anderer Gedanke umfasst die Kapitalkosten. Immerhin basiert das üblicherweise verwendete Rechenmodell (sehr vereinfacht dargestellt) auf den Schwankungen um einen Referenzwert auf Basis vergangener Werte. Es unterstellt, dass eine Vorhersage für die Schwankung künftiger Werte möglich sei.

Hätten wir die wirtschaftlichen Schwankungen der Weltwirtschaftskrise 2008/09, der Pandemie und dem Krieg gegen die Ukraine in Bezug auf den Unternehmenswert mit diesem Modell nicht vorhersehen können? Nein, denn die tatsächlichen Risiken, so Taleb, sind mit solchen Modellen weder vorhersehbar noch planbar. Dennoch bringen Unsicherheiten und Schwankungen nicht nur negative Aspekte mit sich, sondern können auch positive Entwicklungen hervorbringen. So haben einige Branchen, z. B. durch die Herstellung von Verpackungsmitteln, von der Corona Krise profitiert.

Unvorhersehbare Ereignisse und deren Auswirkungen beschäftigen nicht nur Taleb und seine Leser. Das Thema ist bei allen Investitionsentscheidungen relevant. Wie stellen wir sicher, dass wir die wesentlichen Prognosen und Annahmen eines Business Case nicht voreilig als „wahr“ annehmen, sondern vorab richtig prüfen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen wir uns in unserem Fachseminar Investitions-Controlling und stellen wesentliche Arten verzerrter Informationswahrnehmung („Bias“) dar.

Auch Cyril Prengel (Rödl & Partner) beschäftigt sich in seinem Vortrag auf der Fachtagung Finance mit dem Thema Risiko und mit Ereignissen, die als „schwarze Schwäne“ bezeichnet werden können. Er geht auf die Einflüsse von Unsicherheit, Wandel und Krisen auf Unternehmenstransaktionen und -bewertungen ein. Wie sich die Schwerpunkte unter diesen Einflüssen verändern und welche Lösungsansätze es gibt, erfahren Sie am 2. Juni auf unserer Fachtagung Finance in Köln.

Autor:
Guido Kleinhietpaß, Trainer und Berater bei der CA controller akademie

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