Shareholder Value und Wirtschaftsethik

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Wer von den Akteuren im Geflecht innerhalb und ausserhalb des Unternehmens hat welche Interessen und welche Macht? Obwohl es Investmentfonds mit ethischer und ökologischer Orientierung gibt, auch einzelne Aktionäre, die so denken und handeln, ist der Shareholder am ehesten ein homo oeconomicus, den an erster Stelle die Rendite des eingesetzten Kapitals interessiert. Für Ökologie und Soziales ist der Staat zuständig, der dies möglichst billig (lean government) tun soll. Für den homo oeconomicus ist der Staat ein Nachtwächter, der vor allem darüber wacht, dass er seinen Geschäften ungestört nachgehen kann, auch unbehelligt durch Unruhen von zu kurz Gekommenen. Die beinahe grenzenlose Freiheit für den Transfer von Geld zu den Plätzen höchster und schnell erzielbarer Renditen irgendwo auf der Welt ist technisch machbar und politisch nicht verhinderbar. Umweltschäden, die Ausbeutung und Gefährdung von Menschen, Kinderarbeit und die Gefährdung ganzer Volkswirtschaften oder Wirtschaftsregionen werden nicht bedacht, übersehen oder billigend in Kauf genommen. Der vom Nachtwächter Staat und der Welthandelsorganisation geschaffene Freiraum für die Marktwirtschaft wird häufig von den globalen Nutznießern durch die Bildung von Monopolen und Allianzen gegen andere Teilnehmer abgeschirmt. Die Organisationen zur Verhinderung solchen Verhaltens, die Kartellämter in den G 7-Staaten und in Brüssel zeigen wenig Biss. In schwierigen Zeiten rufen ausgewiesene Marktwirtschaftler nach Hilfe vom Nachtwächter. Diese Programme - jetzt gerade wieder als Folge der Ereignisse des 11. September 2001 als berechtigt weil unverschuldet gefordert - werden finanziert aus den Einzahlungen der Steuerzahler oder als Wechsel auf die zukünftigen Steuerzahler. Verlustvorträge der Unternehmen beschneiden jedoch die finanzielle Manövrierfähigkeit des Nachtwächters. Die Marktwirtschaft gilt solange die Rendite stimmt. Wenn schwierige Tage kommen, wird der Nachtwächter bei Tag geweckt. Er reibt sich die Augen, wird mit dem Verlust von Arbeitsplätzen konfrontiert oder bedroht und hilft den in Renditenot Geratenen.

Wo liegen die Interessen der oberen Führungskräfte eines Unternehmens? Sie sind ähnlich denen der Shareholder, vor allem je höher der ergebnisabhängige Teil des Einkommens ist. Allerdings sind sie unmittelbar oder zumindest spürbar mit unangenehmen Entscheidungen zur Erhaltung der Rendite und damit eines Teil ihres Einkommens bzw. ihres Postens konfrontiert: In den meisten Fällen ist es die Entlassung von Mitarbeitern, die kaum Einfluss hatten auf Entscheidungen, getroffene und nicht getroffene, die in die schwierige Lage geführt haben.

Wer vernichtet Werte? Der Shareholder durch hektische Verkäufe; die Analysten durch falsche Empfehlungen (aus eigenem kurzfristigen Interesse) und hektisches Reagieren. Die oberste Führung durch Bequemlichkeit, Konzentration auf die eigenen kurzfristigen Interessen und durch schlechtes Management. Die Mitarbeiter durch mangelnden Einsatz und Konzentration auf die eigenen kurzfristigen Interessen.

Was zählt? Am Ende die Zahlen in der Bilanz, das Ergebnis, die mögliche Dividende. Wenn die Zahlen nicht mehr stimmen, tritt irgendwann das Konkursrecht "in Kraft". Die Gesellschaft misst also die Existenzberechtigung eines Unternehmens an Zahlen. Das ist auch praktisch und erprobt seit Luca Pacioli 1494 die Erfahrungen der venezianischen und toskanischen Kaufleute mit Soll und Haben (dovere ed avere) dokumentiert hat. Merkwürdig ist eine Passage aus der Einleitung seines Buches: "...gab der Bruder des Minoritenordens Lucas aus Borgo Sansepolcro, geringer Professor der heiligen Theologie, mit seinem schwachen Ver-stande...". Autoren aus unserer Zeit machen aus einer ökonomischen Formel eine HandelsmarkeTM, die im Vergleich zur Kunst der doppelten Buchhaltung banal und als Gedanke nicht neu ist. Alfred Marshall schreibt in seinem 1890 erschienen Buch "Principles of Economics" auf Seite 142: "What remains of his profits after deducting interest on his capital at the current rate may be called his Earnings of Undertaking or Management". Das ist heute die Trademark EVA.

Die Balanced Scorecard will uns wieder einmal klarmachen, dass die Zahlen auf lange Sicht nur stimmen werden, wenn wir in ausgewogener Weise den Nutzen unserer Produkte und Dienste für den Kunden, die Brauchbarkeit der internen Strukturen und Prozesse und die Qualifikation und Motivation der Mitarbeiter mit dem Zahlenwerk verknüpfen. Was hinderte uns und hindert uns weiter bei dieser Denk- und Handlungsweise?

Dr. Alfred Blazek