Das E-Interview wurde von der Controlling Competence Site, NetSkill AG (www.netskill.de/controlling) mit Herrn Günther geführt.
Kurzeinführung in das Thema:
Seit den Anfängen des Controllings in Deutschland ist das Bild und die Entwicklung des Controllings und des Controllers stark von der controller akademie und ihrem Gründer - Dr. Albrecht Deyhle - geprägt worden. Während es zu Anfang insbesondere die Rolle des Controllings war, Ergebnistransparenz zu schaffen, sind heute auch qualitativere Faktoren (wie Prozesse, Kunden, Werttreiber) in den Mittelpunkt der Controlling-Betrachtung gerückt.
In diesem Interview wird Herr Conrad Günther, Vorstand der controller akademie zu den aktuellen Trends im Controlling und die zukünftige Rolle des Controllers Stellung nehmen und hierbei insbesondere auch auf die aktuelle Krisensituation in deutschen Unternehmen eingehen.
Competence Site: Seit dem 11. September steht eine Vielzahl von Unternehmen unter Kostendruck. Spüren Sie diese Neupriorisierung bereits im Rahmen Ihrer Seminare? Was sind aktuell die beherrschenden Fragen und Diskussionen zwischen den Seminarteilnehmern?
Herr Günther: Natürlich ist aus den Äußerungen unserer Seminarteilnehmer herauszuhören, daß wir uns in wirtschaftlich schwierigerem Fahrwasser bewegen. Controllerarbeit ist immer auch ein Spiegelbild der aktuellen wirtschaftlichen Situation. Viele Controller spüren die Auswirkungen dieser Situation im Moment vor allem daran, daß der Budgetierungsprozeß aufwändiger ist. Budgets werden intensiver und mit mehr Schleifen "geknetet" als das noch im Vorjahr der Fall war. Dadurch steigt zunächst der Arbeitsaufwand für Controller.
Competence Site: Welche Rolle können Controller in dieser Zeit übernehmen? Was sind heute die wichtigsten Ansätze für ein erfolgreiches Kostenmanagement bzw. was wird aktuell besonders stark als Lösungansatz in diesem Bereich von den Unternehmen favorisiert? Ist Kostenmanagement zur Zeit vor allem Cost Cutting?
Herr Günther: Leider besteht Kostenmanagement oftmals lediglich aus Cost Cutting. Und in akuten Krisensituationen wie nach dem 11. September ist es ja auch die am schnellsten wirksame Reaktionsmöglichkeit. Allerdings ist das Ausmaß begrenzt, die langfristigen Wirkungen oft gefährlich. So sind z.B. dann im Aufschwung die Möglichkeiten, Chancen wahrzunehmen begrenzt, weil die dafür notwendigen Mitarbeiter nicht mehr an Bord sind. Gutes Kostenmanagement zeigt sich hingegen vor allem in guten Zeiten. Da müssten Controller als "Kostenverhinderungsplaner" wirken. Sonst ist die Gefahr groß, daß sie sehr eindimensional nur als Cost Cutter gesehen werden.
Competence Site: Über die frühere Fokussierung auf Finanzfragen hinaus haben Controller - spätestens seit der Balanced Scorecard - auch Markt, Kunden, Prozesse und Mitarbeiter als Controlling-Objekte entdeckt. Welche Ansätze bieten diese Gestaltungsbereiche für das Management in Krisenzeiten? Wie weit ist diese umfassendere Controlling-Sicht tatsächlich bereits etabliert?
Herr Günther: Zunächst einmal: Gutes Controlling bestand schon immer darin, sich nicht nur auf Finanzfragen zu fokussieren. Durch die Balanced Scorecard ist diese Tatsache verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten. Allerdings besteht in Krisenzeiten in der Tat die Gefahr, daß sich der Blick wieder auf die Finanzperspektive und da speziell auf die Kosten verengt. Und abgesehen von allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen ist das ja oft die Ursache für Unternehmenskrisen: Der (sichtbaren) Ergebniskrise geht die (unsichtbare) Strategiekrise oft mit sehr langem zeitlichem Abstand voraus.
Competence Site: Stichwort Balanced Scorecard: Wie beurteilen Sie insbesondere den "State-of-the-Art" der BSC, wird es noch weitere Entwicklungen in diesem Bereich geben, ist die BSC jetzt in vielen Unternehmen bereits eingeführt oder hat die Begeisterung für die BSC bereits ihren Höhepunkt überschritten?
Herr Günther: Wenn unter der Balanced Scorecard verstanden wird, Finanzkennzahlen mit weiteren Kennzahlen aus den "Perspektiven" Markt, Prozesse, Mitarbeiter anzureichern, dann ist das sicher recht verbreitet, aber nicht sehr zukunftsträchtig. Die konsequente Nutzung der Balanced Scorecard als Managementmethode und insbesondere die Verknüpfung von strategischem und operativem Tun, "ausbalanciert" in Bezug auf die verschiedenen Perspektiven, wird erst in sehr wenigen Unternehmen praktiziert. Hier liegt noch viel Potenzial brach, hier liegen große Chancen für die Balanced Scorecard.
Competence Site: Neben Wert- oder Marktorientierung waren auch im Controlling in den letzten Monaten - wie in vielen anderen Bereichen - "E-Konzepte" angesagt. Dabei wurde unter E-Controlling sowohl das Controlling im E-Business als auch ein stärker technologie-unterstütztes Controlling verstanden. Wie versteht die controller akademie E-Controlling? Wie groß ist aktuell das Interesse an E-Controlling und welche Bedeutung wird es in Zukunft haben?
Herr Günther: Wie Sie sagen, ist es beim Stichwort "e-Controlling" wichtig, was gemeint ist. Reden wir davon, E-Business zu controllen, oder meinen wir die Unterstützung des Controlling-Prozesses durch neue Technologien, z.B. das Internet? E-Business braucht in der Tat mehr Controlling-Unterstützung und bekommt sie auch zunehmend, seit die Tage des Internet-Hype vorbei sind. Aus Controller-Sicht interessanter finde ich die Frage, ob und wie sich der Controlling-Prozeß durch neue Technologien verändern wird. Hier kann man interessante Entwicklungen beobachten, z.B. beim Reporting oder im Bereich CRM. Diese Entwicklung wird weitergehen, auch wenn alles, was mit dem Buchstaben "e" versehen ist, im Moment einen schwereren Stand hat.
Competence Site: Die zunehmende Verbreitung internationaler Rechnungslegungsstandards führt zu einem Zusammenwachsen des internen und externen Rechnungswesens. Gleichzeitig gewinnt mit der Verbreitung der wertorientierten Betriebswirtschaft die strategische Sichtweise an Bedeutung. Welche Rolle wird der Controller zukünftig in den Unternehmen ausüben? Wird die Bedeutung des Controlling insgesamt eher zu oder eher abnehmen?
Herr Günther: Insgesamt denke ich, daß die Bedeutung der Controller zunehmen wird. Aber man muß dies differenziert sehen: Der Controller als reiner Zahlenlieferant und -aufbereiter wird eher weniger gebraucht. Controller jedoch, die unternehmensübergreifend zur Ausgewogenheit von Zielfindung, Planung und Steuerung beitragen, die nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen Transparenz herstellen, werden eher mehr gebraucht. Die qualitativen Anforderungen an Controller steigen sicher an. Controller werden sich zunehmend an ihrem Beitrag zum Management-Erfolg messen lassen müssen. Insbesondere 3 Rollen könnten in Zukunft eine verstärkte Rolle spielen:
- Controller als Strategic Business Accountant, der Strategien quantifiziert und rechenbar macht.
- Controller als Mittler zwischen internem und externem Rechnungswesen, der die Abstimmbrücken vereinfacht und für "Lean Controlling" sorgt.
- Controller als Manager der "Stakeholder Relations", der sich stärker auch auf externe Berichtsempfänger einstellt (Stichwort Value Reporting).
Competence Site: Für die aktuellen wie auch die zukünftigen Herausforderungen müssen Controller durch Ihre Ausbildung vorbereitet werden. Welche Ausbildung ist aus Ihrer Sicht heute für einen Controller notwendig? Reicht eine universitäre Ausbildung aus, oder welche Erfahrungen sollte ein Controller darüber hinaus mitbringen? Was wird im Studium möglicherweise nicht vermittelt? ? Was können externe Anbieter leisten, was intern nicht vermittelt werden kann?
Herr Günther: Basis für jeden Controller ist das Wissen und die Beherrschung der betriebswirtschaftlichen Methoden und Instrumente und zwar ganzheitlich. Darüber hinaus ist es unabdingbar, daß jeder Controller sich mit den Dingen auskennt, die er "controllt", also Kenntnis der Branche, der Produkte, Verfahren, Kunden (auch seiner internen Kunden!). Nur dann wird er als kompetenter Gesprächspartner akzeptiert. Aber damit nicht genug: Ebenso wichtig sind Skills wie Präsentations-, Moderations-, Gesprächs- und Problemlösungstechniken. Dazu gehören auch psychologische Grundlagen der Controllerarbeit. Kenntnisse im Projekt-Management, der Organisationsentwicklung, dem Management von Veränderungsprozessen runden das Bild ab. Daran erkennen Sie die enormen Anforderungen an die Controller als Experten und Führungskräfte. Einige der genannten Anforderungen bekommt man im Studium vermittelt, einiges lernt man on the job, einiges könnten externe Anbieter vermitteln. Wie so oft kommt es auch hier auf eine vernünftige Mischung an. Was in öffentlichen Seminaren sicherlich sehr gut zusammengebracht werden kann ist die Berufserfahrung der Teilnehmer und die Möglichkeit, über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinauszublicken.
Competence Site: Was sind aus Ihrer Sicht darüber hinaus zur Zeit die wichtigsten Trends im Controlling? Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten 2 Jahren bei der controller akademie?
Herr Günther: Wichtige Themen der kommenden Jahre neben den bereits oben angesprochenen sind für mich Management und Controlling immaterieller Vermögenswerte sowie alles, was sich um das Thema Unternehmens-Rating mit dem Stichwort "Basel II" dreht.



